BMW R 1250 RT: So fährt die neue mit Radartempomat

30. March 2021 - Krone Zeitung

BMW R 1250 RT: So fährt die neue mit Radartempomat

Fehlt nur noch, dass sie Nieren bekommt wie ihre vierrädrigen Kollegen: BMWs Reisedampfer R 1250 RT bekommt Features, die bei Autos gang und gäbe sind, bei Motorrädern aber bisher nicht verfügbar waren.

Darunter ein Radartempomat, der automatisch den Abstand zum Vordermann hält - und zwar nach BMW-Art. Prädikat nach einer ersten Proberunde: Daumen hoch! Dabei ist das längst nicht alles ...

Zunächst muss ich den Begriff Reisedampfer relativieren, denn von einem Dampfschiff hat die BMW R 1250 RT rein gar nichts. Die Wendigkeit und Geschmeidigkeit, die sie an den Tag legt, die Leichtigkeit in Wechselkurven, die traut man ihr schlichtweg nicht zu. Wer nur ab und zu mal auf einer RT unterwegs ist, ist jedes Mal von Neuem überrascht.

Optisch trägt sie dieser Sportlichkeit nun etwas mehr Rechnung. War sie früher mehr oder weniger eine riesige Verkleidung mit einem verhältnismäßig zu kleinen und zu weit hinten angebrachten Vorderrad, passen die Verhältnisse jetzt. Die Verkleidung ist kürzer und niedriger, wodurch auch die Sicht auf die Straße verbessert wird. Durch ausgeklügelte Aerodynamik ist der Windschutz nun nahezu perfekt, Verwirbelungen spürt man nicht, egal in welcher Höhe der elektrische verstellbare Windschild positioniert ist. Auch der Effekt, dass der Fahrer vom Fahrtwind nach vorne gesaugt wird, wurde eliminiert. Große Fahrer werden die Scheibe allerdings eher nicht ganz nach oben fahren, weil sie sonst genau in die Oberkante schauen, was vor allem bei Kurvenfahrten irritiert.

In dieser Verkleidung befinden sich die neuen LED-Leuchten. Optional bieten sie ein besonderes Highlight (im Wortsinn): dynamisches Kurvenlicht. Genauer gesagt schwenkt der Hauptscheinwerfer schräglagenabhängig mit und leuchtet die Kurve perfekt aus. Ein unschätzbarer Sicherheitsgewinn bei Nachtfahrten.

Radar-Tempomat an Bord
Ebenfalls in der Verkleidung befindet sich optional der brandneue Radarsensor, wie man ihn von Pkw kennt. Mit ihm wird der serienmäßige Tempomat zum Adaptivtempomat. Wie man das mittlerweile von Autos gewohnt ist, hält er nicht stoisch die eingestellte Geschwindigkeit, sondern passt sie dem Vordermann an. Das funktioniert gleichermaßen mit einem Auto wie mit einem Motorrad. Wie stark die BMW dazu beschleunigt oder abbremst, lässt sich in zwei Stufen vorwählen („komfortabel" oder „dynamisch"). Der Abstand wiederum lässt sich per Taste am Lenkrad dreistufig einstellen.

Das fühlt sich weniger ungewöhnlich an als erwartet, man kann sich sogar richtig daran gewöhnen, nicht dauernd sein Tempo anpassen zu müssen und sowohl die Gashand als auch das Hirn entlasten zu können. Man darf nur nicht vergessen, dass man kein Automatikgetriebe hat, wenn man hinter einem Fahrzeug an eine rote Ampel oder Einmündung heranrollt: Irgendwann wird man nicht mehr langsamer, sondern muss selber die Kupplung ziehen und bremsen.

Wie bei den Pkw von BMW lässt sich diese Adaptivfunktion abschalten, indem man lange auf die Abstandstaste drückt. Dann hat man einen klassischen Tempomaten, und zwar einen, der das eingestellte Tempo auch bergab hält, weil das neue integrale ABS-Bremssystem sanft eingreift, wenn man zu schnell wird. So wird man fahren, wenn man einfach sein Tempo halten will (etwa exakt 130 km/h auf der Autobahn) und grundsätzlich überholen will, wenn man auf langsameren Verkehr aufläuft.

Der Adaptivtempomat (ACC, adaptive cruise control) funktioniert zwischen 30 und 160 km/h, der normale Tempomat (DCC, dynamic cruise control) regelt zwischen 15 und 220 km/h. Wichtig zu wissen: ACC reagiert nur auf bewegte Fahrzeuge, nicht auf stehende, etwa an einem Stauende.

Top-Navikarte im Hauptdisplay
Neu ist auch das 10,25-Zoll-TFT-Farbdisplay, das sich bestechend gut ablesen lässt. Es ermöglicht den Verzicht auf einen zweiten Bildschirm für die Navigation! Erstmals auf einem Motorrad lässt sich im Hauptdisplay eine Navikarte darstellen, und zwar wahlweise vollflächig oder als Teil der Ansicht. Wie bei den vierrädrigen BMWs kann es auch einen Split Screen darstellen.

Anders als im Auto ist die Navigationssoftware allerdings nicht an Bord, sondern kommt von der „BMW Motorrad Connected App“, von der die Karte samt Infos per WLAN auf das Display gespiegelt wird.

Das Handy kann während der Fahrt in einem eigenen spritzwassergeschützten Fach (optional) liegen, wo es induktiv (1000 mA, also 5 Watt) oder per USB-A-Anschluss (2100 mA) geladen wird. Das Fach wird per Elektrolüfter belüftet, damit es nicht wegen Sonneneinstrahlung oder der Aktivität des Handys zu heiß wird. Hat man die Zentralverriegelung geordert, wird darüber auch das Handyfach versperrt.

Soundsystem mit Favoritentasten, die keine sind
Für viele Motorradfahrer ist ein über Lautsprecher schallendes Soundsystem ein No-Go. Man muss allerdings sagen, dass es an der BMW R 1250 RT sehr gut funktioniert. In der Windstille hinterm Windschild eingebettet hört man relativ viel davon. Zur Wahl stehen vier Klangprofile - und ein weiteres, wenn man die Musik über Kopfhörer bzw. Helm-Audio hört. Sogar DAB+ wird angeboten. Zwei Radioantennen sind nun in die Verkleidung integriert, statt einer vorwitzig aus ihr herauszuragenden Stabantenne. Die optionale SAT-Antenne ist auf der Abdeckung der Instrumentenkombination angebracht.

Links vom Fahrer sind in der Verkleidung vier Tasten aufgereiht, mit den Ziffern von 1 bis 4 beschriftet. BMW bezeichnet sie als Favoritentasten. Und als solche sollen sie auch irgendwann fungieren. Momentan erlaubt es die Software aber nicht, sie individuell zu belegen. Es sind ihnen fixe Funktionen zugewiesen (1. Mute, 2. Heizungsmenü, 3. Audio-Quellenwechsel, 4. Navigation).

Und wie fährt's? Top!
Es ist ein bisschen wie bei Smartphones: Man kann stundenlang über Funktionen und Apps reden, bevor man merkt, dass man noch kein Wort übers Telefonieren verloren hat. Aber: Bei allen Hammer-Features, die die BMW R 1250 RT hat, ist sie doch auch einfach ein Bike, das richtig gut zu fahren ist. Zwar bringt sie vollgetankt ein Leergewicht von 279 kg auf die Waage, trotzdem fühlt sie sich nicht schwer an, wenn sie in Bewegung ist. In Bewegung versetzt wird sie von der aktuellsten Version des BMW-Boxermotors, 1254 ccm groß und mit variabler Ventilsteuerung (BMW ShiftCam) gesegnet. Die Leistungsdaten 136 PS bei 7750/min. und 143 Nm bei 6250/min. sind nur die halbe Wahrheit, denn tatsächlich fühlt sich die Maschine stärker an als so manche andere, die mehr PS im Datenblatt stehen hat. Das liegt zum einen an der extrem geschmeidigen Kraftentfaltung von unten heraus, zum anderen daran, dass dank ShiftCam in einem sehr breiten Drehzahlbereich sehr viel Kraft zur Verfügung steht.

So liegen im Bereich von 2000 bis 8250/min durchgehend mehr als 110 Nm an. Im fahrdynamisch besonders relevanten Bereich zwischen 3500 und 7750/min. sind es sogar mehr als 120 Nm. Sportliche Fahrer werden ihre Freude mit dem optionalen elektronischen Dynamic-ESA-Fahrwerk mit vollautomatischem Beladungsausgleich und dem Dynamik-Modus haben, außerdem mit dem Quickshifter und der serienmäßigen Anti-Hopping-Ölbadkupplung.

Fahrzit
Unterm Strich steht meistens ein Betrag, und der wird bei der BMW R 1250 RT wohl so um die 26.000 Euro oder darüber liegen, weil: Man will die meisten Optionen, die angeboten werden, ja haben. Andererseits ist sie zum Basispreis von 22.200 Euro auch nicht gerade nackt. Tempomat, integrales Kurven-ABS, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, 10,25-Zoll-Display und Berganfahrassistent sind immer dabei. Dazu kommen dann eben die oben beschriebenen Extras. Und eventuell (aber dann kommen wir über 26.000 Euro) Schmankerl wie Frästeile, Sonderfelgen, Akrapovic-Auspuff & Co. In jedem Fall ist man einerseits komfortabel unterwegs, andererseits aber weit dynamischer, als es unwissende Beobachter ahnen. Immerhin sieht sie nun für den Gegenverkehr auch weniger als früher aus wie ein Big Scooter.

Warum?
Man wird mit den Jahren verwöhnter
Alles kann, nichts muss

Warum nicht?
Pures Motorradfeeling geht für viele anders

Oder vielleicht ...
... BMW K 1600 GT, BMW 530d