
Marokko produziert mehr Autos als Italien, Ungarn & Co.
Der Club der autoproduzierenden Länder wird immer größer. Dabei geht unser Blick meist in Richtung Osteuropa oder Asien, etwa Ungarn oder Vietnam. Doch eine weitaus erfolgreichere und noch junge Autonation findet sich in Nordafrika: Marokko hat sich in wenigen Jahren zu einem großen Produktionsstandort entwickelt.
Bereits 2020 wurden in dem arabischen Königreich mehr Neuwagen hergestellt als in Polen. Im Vorjahr zog Marokko sogar an Italien vorbei. In den vergangenen sieben Jahren ist die Anzahl der produzierten Autos um satte 71 Prozent auf über eine halbe Million gestiegen. Da kann selbst Ungarn mit seinen zahlreichen neuen Fabriken nicht mithalten
Dacia und Stellantis besonders stark vor Ort
Kein Wunder, stammen doch zwei der in Europa meistverkauften Neuwagen aus dem Königreich: So wird der Dacia Sandero, seit 2024 der Bestseller auf unserem Kontinent, schon seit seiner ersten Generation in Marokko gebaut. Auch der Peugeot 208, das erfolgreichste Modell der französischen Marke, wird unter anderem in dem arabischen Land gefertigt.
Die älteste Autofabrik Marokkos liegt übrigens in Casablanca, der größten Stadt des Landes. Sie wurde bereits 1959 eröffnet und produzierte zuerst Modelle von Fiat und Simca. Seit 2003 gehört sie zum Renault-Konzern, der darin etwa den Kangoo bauen ließ. Heute wird in Casablanca der Dacia Logan gefertigt. 2012 eröffnete Renault ein zweites Werk in Tanger – hier laufen aktuell die Dacia-Modelle Sandero und Jogger vom Band.
Stellantis-Pläne: Mehr als eine Million Fahrzeuge pro Jahr ab 2030
Stellantis ist der zweite große Autokonzern in Marokko: Die Fabrik in Kenitra nahm 2019 ihre Arbeit auf und produziert seither den Peugeot 208. Bereits ein Jahr später wurde eine Fertigungslinie für Elektroautos errichtet, auf der die Leichtfahrzeuge Citroën Ami, Opel Rocks und Fiat Topolino entstehen.
Und Stellantis will seine Produktionskapazitäten noch deutlich ausweiten: Ab 2030 sollen pro Jahr 535.000 Fahrzeuge gebaut werden, neben dem Peugeot 208 ein weiteres Modell auf der kleinen SCP-Plattform des Konzerns. Zudem ist die Fertigung von jährlich 65.000 elektrischen Fiat Tris-Dreirädern geplant. Zusätzlich sollen in Kenitra pro Jahr bald 350.000 Hybridmotoren entstehen.
Setzen die Konzerne ihre Pläne um, würden ab 2030 mehr als eine Million Fahrzeuge in Marokko gebaut. Damit würde das Königreich auch Großbritannien und Frankreich überholen.
Die Gründe für den Erfolg
Was sind die Gründe für den Erfolg? An erster Stelle müssen die extrem niedrigen Arbeitskosten genannt werden. Fallen in Deutschland pro Fahrzeug satte 3080 Euro an, sind es in Rumänien lediglich 254 Euro. Im Vergleich zu Marokko immer noch ein „Hochlohnland“: Hier sind es nur 99 Euro pro Auto.
Doch auch in Algerien oder Tunesien sind die Löhne gering. Im Gegensatz zu den anderen Ländern Nordafrikas besticht Marokko durch seine politische Stabilität: Seit 1664 wird es von der Dynastie der Alawiden regiert und hat sich in den letzten Jahrzehnten stets Richtung Westen orientiert. So besteht seit 2000 ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Marokko, mit dem Zollhindernisse abgebaut wurden.
Fazit
Klammheimlich hat sich Marokko zu einer starken Autonation entwickelt und viele Länder Osteuropas hinter sich gelassen. Der Standort in Nordafrika profitiert dabei vom Kostendruck, der auf der Autoindustrie lastet. Niedrige Löhne, stabile politische Rahmenbedingungen sowie ein Freihandelsabkommen mit der EU haben Renault-Dacia und Stellantis nach Marokko gelockt. Und der Verkaufserfolg der dort produzierten Modelle zeigt, dass sich auch die Kunden in Europa von den niedrigen Preisen verführen lassen.
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