Mercedes X 350d: Offroadtour in Albanien artet aus

09. October 2019 - Krone Zeitung

Mercedes X 350d: Offroadtour in Albanien artet aus

KRACH! Ein Ruck geht durch die Mercedes-X-Klasse, als die rechte Tür getroffen wird. „Gib Gas!“ schreit mein Beifahrer noch, schon trifft uns der nächste Felsen und reißt einen Teil des Frontstoßfängers ab. Ganz so abenteuerlich haben wir uns die Offroad-Tour in den albanischen Skanderbeg-Bergen nicht vorgestellt!

Den ersten Steinbrocken, rund einen dreiviertel Meter im Durchmesser, hatte Des noch kommen sehen, bevor er die Tür traf. Die Delle, die der Treffer hinterließ, wirkt verhältnismäßig harmlos, wie wir später, am Hotel, feststellen. Der Versuchung, gleich nachzusehen, widerstehen wir, weiterfahren ist „besser als ein Stein am Schädel".

Im gleißenden Schein der LED-Scheinwerfer durchpflügen wir die Nacht und das herabstürzende Wasser. Auch die Übernachtung im Zelt irgendwo da draußen sparen wir uns. Zu weit sind die Himmelsschleusen geöffnet, wir mussten nach drei Stunden Fahrt kurz vor dem Tagesziel am Shkreli Resort umdrehen, weil der Weg unterspült war und unter der Last von insgesamt fünf 2,5-Tonnen-Pick-ups (inklusive Besatzung), die im Konvoi unterwegs sind, wohl nachgegeben und sie in den Abgrund geschickt hätte. Angesichts des in den Bergen teils schlechten Handynetzes hätte dann wohl auch die Fahrzeugortung des „Mercedes me connect"-Systems versagt.

Das wäre dann doch eher ein unwürdiges Ende des Ausflugs gewesen, der - ja, was ist er eigentlich? Eine Abschiedstour? Ein Aufbäumen der Baureihe? Ein Aufräumen mit Gerüchten? Ein bisschen Spaß zum Schluss? Laut angeblichen Insiderinformationen hat Daimler das vorzeitige Aus der X-Klasse längst beschlossen, die begleitenden Daimler-Bediensteten beteuern jedoch, dass die X-Klasse zum Portfolio gehört. Punkt.

Immerhin pflanzen die Stuttgarter ihrem Pick-up neuerdings auf Wunsch endlich einen adäquaten Motor unter die Haube: Der X 350 d hat den bewährten Dreiliter-V6-Diesel, 258 PS und 550 Nm stark, samt Siebengang-Automatik und permanentem Allradantrieb. Und eigentlich ist das der einzige logische Antrieb für den „Mercedes unter den Pick-ups". So viel Premium muss schon sein, wenn man einugermaßen glaubwürdig sein will. Die X-Klasse basiert auf dem grobschlächtigen Nissan Navara (der auch als Renault Alaskan angeboten wird), da braucht man sich nicht wundern, dass der teure Truck mit einem Vierzylinder (Basispreis in Österreich: 30.000 Euro, ohne Allradantrieb) nicht gerade Verkaufsrekorde bricht. Insgesamt 27.000 Stück seit Produktionsbeginn im Jahr 2017 sind zu wenig. Wobei der Wagen im Pick-up-Land-USA nicht einmal angeboten wird, weil ihn die Amis mit seinen zierlichen 5,34 Meter Länge und 1,82 Meter Höhe nicht ernst nehmen.

Das könnte den Stuttgartern in Albanien nicht passieren, da stehen sie auf alles, was den Stern trägt. Gefühlt sind drei Viertel der Autos Mercedes. „Das sind die einzigen, die auf den schlechten albanischen Straßen auf Dauer nicht auseinanderfallen", erklärt uns unser local guide. Die meisten sind natürlich älteren Baujahrs. Oft W123 und 190D, die alten Diesel feiern hier ihren dritten Frühling. Viele mit deutschen Kennzeichen, die längst abgelaufen sind. Danach fragt hier keiner, Hauptsache es hängt eines dran. Aber wir haben in Tirana auch einen blitzblanken Maybach V12 mit aktuellen deutschen Nummernschildern gesichtet.

Die alten, dieselnagelnden, rauchenden Benze treffen wir sogar in Gegenden, wo wir froh über unsere geländetauglichen Pick-ups sind. Im ganz argen Outback machen sie uns aber kein X für ein U vor, Bodenfreiheit, Böschungswinkel und Surroundkameras helfen uns dabei, noch weiter zu kommen als die ambitioniertesten albanischen Daimleristen.

Premium ja, aber Offroad-Kompetenz statt SUV-Komfort
Im Vergleich zu den meisten Fahrzeugen hier sitzen wir in rollenden Märchenschlössern, neu, glänzend, beeindruckend. Wirkt wie ein eingebautes Vorfahrtschild hier auf den Straßen, auf denen außer dem Recht des Stärkeren nicht viele Regeln gelten. Der Komfort an Bord ist jedoch mit dem in Mercedes-SUVs nicht zu vergleichen. Ja, man erkennt die Herkunft im Innenraum, da ist das Bediensystem, die gewohnten Schalter, das aufgesetzte Display, die (wenn auch nicht ganz aktuelle) Bestückung des Multifunktionslenkrades, auch die Zweizonenklimaautomatik.

Aber die Anmutung ist eine ganz andere, die X-Klasse ist mehr Arbeitstier als Lifestyle-Gefährt. Das fällt teilweise auch an der Verarbeitung auf.

Auch das Fahrgefühl ist tendenziell eher grobschlächtig. Ein Leiterrahmen mit Schraubenfedern (immerhin!) wird sich immer nach Geländewagen anfühlen. So rumpeln wir also über Offroadpisten, allerdings je schneller, desto angenehmer. Der Allradantrieb schickt prinzipiell 60 Prozent der Kraft nach hinten, eine elektromechanisch regelbare Längsdifferenzialsperre im Verteilergetriebe (0-100%) sorgt immer für Vortrieb, den Rest besorgen Quersperre hinten und Untersetzung. Umgeschaltet wird per Drehregler. Serienmäßig beträgt die Bodenfreiheit 20 Zentimeter, optional sind es 22 cm. Hin und wieder setzen wir trotzdem auf. Die Wattiefe von 60 cm konnten wir nicht testen, weil die unter Wasser gesetzten Straßen am Tag nach dem Unwetter gesperrt waren. So fand der Trip also nicht in der Badewanne statt, sondern zuerst in der Dusche und dann in der Sonne.

Und da zeigte sich Albanien von seiner wunderschönen Seite. Klar, vieles wirkt heruntergekommen, die Leute sind arm, das ganze Land ist aus kommunistischen Zeiten mit Bunkern übersät. Aber es gibt in Tirana auch nette Lokale, die zum Verweilen einladen. Und die herrliche Küste, die genauso schön ist wie die kroatische oder die griechische, nur nicht so erschlossen. Noch ist Albanien ein Geheimtipp, nicht nur für Offroad-Fans, die hier ein wahres Paradies vorfinden. Idealerweise wendet man sich an Einheimische, die mit Touren Erfahrung haben.

Auf asphaltierten Straßen fühlt sich die X-Klasse absolut zivil an, aber es ist gut, dass das Fahrwerk Reserven hat, denn man muss immer mit allem rechnen, Eselskarren und Fußgänger sogar auf der Autobahn, schmierseifeartiger Belag im Regen, Kanten, tiefe Schlaglöcher bzw. -krater. SUVs sieht man hier trotzdem selten.

Mit der X-Klasse ist man hier auf jeden Fall adäquat ausgerüstet, könnte sogar fast eine Tonne Nutzlast und einen 3,5-Tonnen-Anhänger durch die Gegend befördern. Bis man Exemplare des X 350 d mit albanischen Kennzeichen sieht, wird es allerdings noch lange dauern. Nicht nur weil das Topmodell (in Österreich) ab 51.500 Euro verlangt werden.

Wobei es keine schlechte Idee wäre, unseren Offroad-Konvoi hier unten an den Mann zu bringen. Die Steinschlagschäden gehen hier wahrscheinlich als Kratzer durch - und werden einfach auspoliert...

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