Renault Espace jetzt ein SUV: Sein größtes Problem

10 Monate, 2 Wochen her - 05. Juni 2023, Krone Zeitung
Renault Espace jetzt ein SUV: Sein größtes Problem
Renault hat vor 40 Jahren ein sensationelles Auto erfunden: Der Renault Espace wurde zur Ikone der Vans. Doch das Segment ist mittlerweile fast weltweit bedeutungslos, statt Vans kaufen Menschen mit mobilem Platzbedarf ein SUV.

Die Franzosen machen nun aus der Not eine Tugend - und geben ihrem neuen D-Segment-SUV den traditionsreichen Namen. „Krone“-Motorredakteur Stephan Schätzl war mit dem Siebensitzer schon unterwegs. Seine Eindrücke hier im Video-Fahrbericht.

Falls wer den Ur-Espace nicht kennt: Das war eine rollende Wohlfühl-Lounge für bis zu sieben Insassen, die allesamt mehr als ausreichend Platz hatten. Die Sitze waren geradezu Wohnzimmer-Fauteuils, unter der kurzen Haube konnte man sogar einen Sechszylindermotor einbauen lassen. Vier Generationen lang blieb es beim Van, die fünfte war dann schon ein Crossover mit beengten Platzverhältnissen. Mit der sechsten ist es nun vollends vorbei mit dem Van-Sinn.

Form Follows Fashion
Dass nun ein SUV diesen Namen trägt, ist vergleichbar mit der Vorstellung, dass VW den Tiguan Allspace plötzlich als Bulli oder als VW-Bus verkauft. Man könnte auch an den Mitsubishi Space Star denken, der mit einem Raumfahrzeug ganz und gar nichts zu tun hat - er ist ein Kleinstwagen.
So schlimm ist es beim neuen Espace nicht geworden, er ist faktisch ein auf 4,72 Meter verlängerter Renault Austral mit auf 2,74 Meter verlängertem Radstand. Renault schwört Stein und Bein, dass der Innenraum länger ist als beim 14 Zentimeter längeren Vorgänger (der sollte aber eigentlich kein Maßstab sein).
So kommt es, dass der Espace auch als SUV durchaus geräumig ist und sogar über sieben Sitze verfügt, wenn man so will. Die beiden Plätze in der dritten Reihe kosten keinen Aufpreis - aus gutem Grund: Denn wenn man für diese Notsitze auch noch extra bezahlen müsste, würde man ihren realen Nutzwert wohl genauer hinterfragen. So hofft Renault darauf, dass zwei Drittel der Kunden die Gratis-Plätze nicht aktiv abbestellen.
Als Erwachsener kann man dort praktisch nicht sitzen. Für Kinder sind sie aber auch nur bedingt geeignet, da keine Isofix-Systeme vorhanden sind. Von denen gibt es nur zwei in Reihe zwei und einen weiteren auf dem Beifahrersitz.

Platzangebot wie in anderen SUVs der Klasse
In Reihe zwei herrscht kein Platzmangel, hier sitzen auch groß Gewachsene sehr gut. Die Rückbank ist serienmäßig um 22 Zentimeter verschiebbar. Auch die Lehnenneigung lässt sich einstellen - was sich allerdings schwierig gestaltet, weil die Lasche, an der man dafür ziehen muss, schwer erreichbar und der Mechanismus schwergängig ist.
Der Kofferraum des Siebensitzers ist naturgemäß nicht rekordverdächtig groß, weist aber eine ebene Ladefläche auf, wenn die Sitze eingeklappt sind. Das Ladevolumen beträgt mit flachgelegter dritter Reihe 426 Liter, dazu kommen 51 Liter unter dem Boden (wird allerdings vom Reserverad in Beschlag genommen). Stellt man die Notsitze auf, bleiben 108 Liter übrig; 1664 Liter sind es, wenn alle Rücksitze weggeklappt sind.
Wer keinen Stauraum verschenken will und deshalb auf die Notsitze verzichtet, bekommt im Gegenzug ein angemessenes Kofferraumvolumen: 541 bzw. 1780 Liter. Was die Zahl der Sitze betrifft: Weniger ist mehr.

Saubere Google-Landschaft
Der Fahrer blickt auf ein großes L-förmiges Display, das sich aus einem 12,3-Zoll-Kombiinstrument und einem leicht dem Fahrer zugewandten, hochformatigen 12-Zoll-Touchscreen zusammensetzt, unterbrochen nur durch einen sehr effektiven senkrechten Luftausströmer. Das Bediensystem stammt von Google, ist sehr übersichtlich und arbeitet blitzschnell. Logischerweise ist das Navigationssystem Google Maps, was absolut kein Fehler ist. Das System hört auf „Hey Google!“. Darüber hinaus lässt sich sowohl Apple CarPlay als auch Android Auto drahtlos verbinden.
Für die Klimaanlage sind extra Kippschalter vorhanden, die zugehörige Anzeige am Display ist immer im Vordergrund. Auch die Tasten am Lenkrad sind gut zu bedienen. Als Sonderausstattung ist ein echtes Head-up-Display erhältlich.

Etwas unpraktisch ist die Mittelkonsole. Auf ihr thront eine Art Handauflage, die man für einen Automatikhebel halten könnte. Tatsächlich verschiebt man damit aber nur die Abdeckung der beiden Fächer, die sich darunter befinden. Das hintere kann man damit ganz verschließen, das vordere ist je nachdem halb oder gar nicht bedeckt. Problem: Im vorderen befinden sich die beiden Cupholder - aber wenn sie befüllt sind, ist das hintere Fach nicht mehr zugänglich. Anregung nach Frankreich: Vielleicht sollte man beim Designen von Autoinnenräumen prüfen, ob die gewählte Lösung praktisch ist.
Das Raumgefühl ist ein wenig Kokon-artig, weil die Oberkante der Türverkleidung sehr hoch ist, das gilt auch für das gesamte Armaturenbrett. Das ist nicht gut für die Übersichtlichkeit des Fahrzeugs, die vor allem im Bereich der A-Säule zu wünschen übriglässt. Da werden Linkskurven etwa auf Bergstraßen häufig ohne Sicht auf den Gegenverkehr durchfahren.
Antrieb aus dem Austral
Unter der Motorhaube hat der Kunde keine Wahl: Als Antriebsaggregat ist ein Vollhybrid alternativlos. Er setzt sich aus einem 131 PS starken 1,2-Liter-Dreizylinder-Benziner und einem 50 kW starken Elektromotor zusammen, die zusammen auf 199 PS kommen und die Vorderräder antreiben. Zusätzlich gehört ein 25 kW starker Startergenerator zum Paket, der vor allem für die automatischen Gangwechsel des sogenannten Multimode-Getriebes sorgt. Es verfügt über zwei Fahrstufen für den elektrischen Antrieb und vier Fahrstufen für den Verbrennungsmotor. Inklusive Leerlauf erlaubt das System insgesamt 15 Fahrstufen- und Antriebskombinationen. Als Zwischenspeicher dient eine brutto 2 kWh große Batterie.

So fährt sich der Renault Espace
Der Renault Espace zeichnet sich beim Fahren vor allem dadurch aus, dass er nicht auffällt. Das Fahrwerk ist sehr komfortabel, aber doch präzise, und macht Reisen zu einem angenehmen Erlebnis. Die Lenkung ist zwar leichtgängig, vermittelt aber durchaus Gefühl für die Fahrbahn. Dank der Hinterradlenkung (serienmäßig bei Esprit Alpine und Iconic) flitzt der Espace regelrecht ums Eck. So glänzt er dann auch beim Rangieren mit einem Wendekreis von 10,40 Meter (sonst 11,60 m), was dem des Renault Clio entspricht. Und das fällt dann doch auf.
Der Antrieb fällt dann wieder wirklich nicht auf. Überraschenderweise stört nicht einmal der Dreizylinder, denn er ist derart gut gedämmt, dass er immer im Hintergrund bleibt und gar nicht erst den Eindruck aufkommen lässt, ein 1,2-Liter-Motörchen könnte in einem so großen SUV unpassend sein. Man bekommt teilweise kaum mit, ober er gerade überhaupt läuft oder ob gerade ausschließlich der Elektromotor (oder gar kein Antrieb) aktiv ist. Renault geht davon aus, dass nur auf 20 Prozent der Strecken der Verbrenner aktiv ist.
Sportliche Dynamik wird man sich nicht erwarten, man bekommt sie auch nicht, auch wenn 8,8 Sekunden für den Standardsprint im Datenblatt stehen (maximal läuft der Espace übrigens 175 km/h). Doch seit Präsentation des Austral haben sie die Steuerung des Multi-Mode-Getriebes verbessert, sodass es nun geschmeidiger arbeitet und sich vor allem beim Tritt aufs Gas zum Überholen keine irritierenden Gedenksekunden mehr nimmt. Nur manchmal ruckt es noch ein wenig.
Warum der Aufwand? Es geht um den Verbrauch. Der Normverbrauch beträgt 4,7 l/100 km. Auf unseren Testfahrten in und rund um Porto, wo Renault die Baureihe der Presse vorstellte, kamen wir im Schnitt auf kaum mehr als sechs Liter. Damit liegen wir im Bereich eines Dieselmotors, der daher auch gar nicht mehr angeboten wird. Schwer ist der Espace übrigens nicht: Die leichteste Version bringt nach DIN (also ohne Fahrer) gerade mal 1512 kg auf die Waage, als Siebensitzer wiegt er 35 kg mehr.
Die Preise
Wer den Renault Espace bestellen möchte, muss mindestens 44.390 Euro anlegen. Serienmäßig an Bord sind da schon Zweizonenklima, Tempomat, Parksensoren, Rückfahrkamera, das Riesendisplay samt Navi oder auch die elektrische Heckklappe, aber keine Sitzheizung. Die ist nicht mal bei Esprit Alpine, dem zweiten Ausstattungsniveau, serienmäßig. Aber auch einige Assistenten, inkl. Müdigkeits- und Querverkehrswarner sind dabei.
Esprit Alpine ist um 47.690 Euro etwas sportlicher orientiert (nur im Interieur bzw. mit einer exklusiven, aber aufpreispflichtigen Lackierung) und bringt 20 statt 19 Zoll große Räder mit. Iconic kostet 49.990 Euro, bietet zwar viel, aber noch keine Vollausstattung.
Fahrzit
Der Renault Espace ist ein gelungenes Familien-SUV, das komfortables Reisen ermöglicht und mit Features wie der Allradlenkung auch Besonderheiten mitbringt. Dass er den Namen Espace trägt, ist nicht nur eine Art Verrat an der eigenen Geschichte, sondern ist vor allem irritierend. Man verbindet etwas mit dem Namen, das man hier nicht bekommt, denn es handelt sich hier nicht um ein Raumschiff, sondern um einen Pseudo-Siebensitzer. Das ändert nichts an den Tugenden des Franzosen, die könnten aber gut für sich selbst sprechen - ohne den großen Namen.
Warum?
Sehr komfortabel
Mit Allradlenkung immens wendig
Weil man die dritte Sitzreihe abbestellen kann
Warum nicht?
Wenig übersichtlich
Als Siebensitzer zu eng
Oder vielleicht ...
... Nissan X-Trail, Kia Sorento, VW Tiguan Allspace, Skoda Kodiaq

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