Kann Ich Noch Einen Diesel Kaufen?

04. December 2017 - autobild

Kann Ich Noch Einen Diesel Kaufen?

Angesichts drohender Fahrverbote steigen viele Autokäufer um auf Benziner und E-Autos. Soll man noch einen Diesel kaufen? Hier sind Argumente dafür und dagegen!

Weil Fahrverbote für Dieselautos immer häufiger diskutiert werden, steigen viele Autofahrer auf Elektro- und Hybridautos um – vor allem aber auf Benziner. Für 2017 rechnet das Institut für Automobilwirtschaft (IFA) in Geislingen mit 3,45 Millionen verkauften Neuwagen, das wäre ein Plus von 2,9 Prozent gegenüber 2016. 2018 könnten es gar 3,5 Millionen Neuzulassungen werden. Alle drei Jahre lägen damit deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. "Die Diskussion um Fahrverbote erweist sich völlig überraschend als Konjunkturprogramm für die Branche", sagte IFA-Chef Willi Diez. Viele Autofahrer wollten kein Risiko eingehen und entschieden sich daher jetzt dafür, das Fahrzeug zu wechseln, so Diez. Das gelte auch für gewerbliche Kunden. Außerdem zeigten die Umtauschprämien der Hersteller Wirkung.

Diesel-Anteil schrumpft und schrumpft

Im Oktober 2017 wurden bereits fast 18 Prozent weniger Selbstzünder in Deutschland zugelassen als im Vergleichszeitraum ein Jahr zuvor. Der Anteil an der Gesamtzulassungszahl von knapp 273.000 Neuahrzeugen im Oktober lag nur noch bei 34,9 Prozent. Sollte man jetzt seinen Diesel verkaufen, solange man es noch kann? Oder ist es vielmehr klug, die Gunst der Stunde zu nutzen und einen gerade günstig angebotenen Diesel zu kaufen? AUTO BILD gibt eine Entscheidungshilfe.

Warum geriet der Diesel in Verruf?
Hauptgrund ist der im September 2015 aufgedeckte VW-Skandal, bei dem millionenfach Abgasreinigungswerte zu Ungunsten der Umwelt und der Kunden manipuliert wurden. Inzwischen wurden weitere Hersteller wie Porsche überführt, auch gegen andere besteht ein Verdacht. Die Rede ist von "Betrugssoftware", "Abschaltvorrichtungen" und "Schummel-Dieseln". VW kostete die Affäre Milliarden, das Image des Diesels wurde nachhaltig beschädigt. Die Diskussion über die giftigen Stickoxide (NOx) und die teils erheblichen Überschreitungen aktueller oder künftiger Normen bestimmen mittlerweile viele Schlagzeilen.

Welche Auswirkungen hat der Diesel auf die Umwelt?

Die deutsche Autoindustrie sah und sieht die umstrittene Technik als CO2-armen Retter. Laut Branchenverband VDA ist Diesel effizienter und energiereicher als Benzin, die Motoren hätten einen um etwa 15 Prozent höheren Wirkungsgrad. Entsprechend verbrauchten Dieselmodelle auch weniger Kraftstoff. Weil der CO2-Ausstoß am Verbrauch hängt, komme aus dem Auspuff der Diesel-Autos unterm Strich also weniger von dem Klimagas – auch wenn der CO2-Gehalt je Liter Diesel tatsächlich höher ist. Für manchen Autoexperten ist der "klimafreundliche Diesel" indes ein Mythos, weil Dieselkraftstoff beim Verbrennen sogar etwas mehr Kohlendioxid je Liter ausstoße als Benzin. Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie, sagt, im Mittel lägen die CO2-Emissionen beim Diesel um 15 Prozent niedriger als beim Benziner. Trotz des geringeren Verbrauchs entstehen im Dieselmotor aber mehr Schadstoffe – vor allem gesundheitsschädliche Stickoxide (NOx), die derzeit die Diskussionen bestimmen. Sie können laut Umweltbundesamt Schleimhäute angreifen und zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizungen führen sowie Herz, Kreislauf und die Lungenfunktion beeinträchtigen.

Welche Steuervor- und -nachteile habe ich als Dieselfahrer?

Vorteile (noch): Genau 18,41 Cent pro Liter Treibstoff (47,04 Cent gegenüber 65,45 Cent) zahlen Dieselfahrer beim Tanken weniger Energiesteuer. Insgesamt ist der Sprit etwa 20 Cent pro Liter günstiger. Noch: Die Stimmen zur Abschaffung des sogenannten Dieselprivilegs mehren sich. So haben die Grünen eine Abschaffung des Dieselprivilegs zur Bedingung für eine mögliche Regierungsbeteiligung gemacht – ob Union und FDP tatsächlich darauf eingehen, ist noch völlig unklar. Doch auch der Bundesrechnungshof (BRH) forderte in einem Bericht zur finanzwirtschaftlichen Entwicklung, die Besteuerung zu überdenken.

Nachteile: Dafür ist die Kfz-Steuer für Dieselfahrzeuge etwas höher, abhängig von der Schadstoffklasse und vom Jahr der Erstzulassung (wie hoch die Steuer bei Ihrem Fahrzeug ist, können Sie hier in drei Schritten errechnen).

Was hat es mit Fahrverboten und blauer Plakette auf sich?

Viele Städte haben wegen der Dieselabgase mit zu hohen Stickoxid-Werten zu kämpfen. Vor allem in Stuttgart und Hamburg drohen wegen Missachtung von EU-Grenzwerten Fahrverbote, weitere Großstädte könnten folgen. Politiker fast aller Farben und die Industrie wollen sie unbedingt vermeiden. Vor allem deshalb trafen sie sich am 2. August 2017 zum mit Spannung erwarteten Dieselgipfel in Berlin. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sowie viele Landespolitiker fordern eine blaue Plakette zur Kennzeichnung von vermeintlich sauberen Dieseln – sie soll allein Motoren mit der Abgasnorm Euro 6 vorbehalten sein. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist wie viele weitere Unionspolitiker dagegen. Sie sehen das Image des Dieselmotors durch eine solche Maßnahme noch mehr gefährdet. Von Fahrverboten könnten bis zu 13 Millionen Diesel betroffen sein. Benziner könnten wegen des geringeren NOx-Ausstoßes ab Euro 3 die blaue Plakette bekommen. Doch mit der zukünftigen Partikelfilterpflicht für Benziner verschärfen sich auch hier die Bedingungen.

Wie können Euro-5-Diesel mögliche Fahrverbote umgehen?

Durch Umrüstung. Über die Art und Weise herrscht allerdings Uneinigkeit. Die Hersteller wollen bis Ende 2018 insgesamt 5,3 Millionen Fahrzeuge mit einem Software-Update versehen, bei dem in die Motorsteuerung und die Abgasreinigung eingegriffen wird. Dadurch soll der NOx-Schadstoffausstoß um 25 bis 30 Prozent gesenkt werden. Mögliche Nachteile sind ein erhöhter Verbrauch und eine verminderte Leistung. Erwiesen ist das aber nicht. Viele Umweltverbände, aber auch neutrale Verkehrsexperten bezweifeln zudem den Grad der Wirksamkeit oder halten ihn nicht für ausreichend. Eine wirksamere, aber auch erheblich teurere Maßnahme wäre die Nachbesserung der Motor-Hardware. Hierfür käme vor allem eine sogenannte SCR-Anlage mit Harnstofflösung infrage, deren nachträglicher Einbau gut 1500 Euro kosten würde. Wie das genau funktioniert, sehen Sie in der Bildergalerie.

Sind neue Euro-6-Diesel sauber?

Ja, so sauber, wie technisch möglich. Seit September 2017 gilt für neue Modelle die Norm Euro 6d. Wenn Sie einen neuen Diesel kaufen, sollten Sie darauf achten, dass er diese Norm erfüllt. AUTO BILD empfiehlt beim Kauf eines Diesel nur noch Fahrzeuge mit SCR-Kat, denn sie sind am saubersten und nur sie dürften auf Dauer von Fahrverboten ausgenommen sein. Seit September werden die wenig aussagekräftigen Abgastests im Labor (NEFZ) in Europa durch das realistischere Prüfverfahren RDE (= Real Driving Emission) ergänzt. Diese Tests gelten verpflichtend für die Zulassung neuer Modelle, ab September 2018 dann für alle Neuwagen. Allerdings werden noch für viele Jahre großzügige Abweichungen erlaubt.
Alles zum Thema Abgasnormen

Sind Diesel verbrauchsärmer als Benziner?

Diesel verbrauchen etwa 15 bis 20 Prozent weniger Kraftstoff als vergleichbare Benziner. Allerdings ist die Energiedichte von Diesel auch höher, es gilt der aus der Schule bekannte Energieerhaltungssatz. Zudem kritisiert die Umwelthilfe, der technisch mögliche Verbrauchsvorteil beim Diesel werde überkompensiert durch das hohe Gewicht gefragter SUVs. Zudem sei die Herstellung von Dieselmotoren aufwendiger, auch hier entstünden CO2-Nachteile. Zumal moderne Benziner effizienter seien als früher, dank sogenannter Vollhybride, also Autos, die sowohl mit dem Verbrennungs- als auch dem Elektromotor fahren können. Diese hätten allerdings wiederum mit Partikel-Emissionen zu kämpfen, warnt der Karlsruher Motorexperte Koch.

Wie entwickeln sich die Absatzzahlen?

Deutschland war bis 2016 absolutes Diesel-Land: Im vergangenen Jahr war fast jedes zweite neu zugelassene Kfz ein Selbstzünder. Die anhaltende Diskussion um Abgase und Fahrverbote jedoch hat zu einem dramatischen Absatzschwund geführt – im Oktober 2017 waren laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) nur noch 34,9 Prozent der insgesamt 272.855 neu zugelassenen Autos Diesel, fast zehn Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Benziner dagegen sind gefragter denn je, ihr Anteil bei den Neuzulassungen stieg im Oktober 2017 um satte 18,8 auf 60,9 Prozent. Stark gestiegen ist dagegen erneut auch die Zahl der Fahrzeuge mit alternativen Antrieben: Bei den Hybridautos stieg sie um 67,8 Prozent (8410 Autos), bei den E-Autos um 86,8 (2180 Autos), bei den flüssiggasbetriebenen und erdgasbetriebenen Pkw waren es 24,6 bzw. 34,8 Prozent. Insgesamt lag die Zahl der neu zugelassenen Autos um 3,9 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Wie sieht es mit Preisen und Rabatten aus?

Die Diesel-Abwrackprämie für ältere Fahrzeuge hat das Rabattniveau in Deutschland auf ein Rekordhoch getrieben. Heißt für diejenigen, die einen Diesel kaufen wollen: Derzeit sind Schnäppchen zu machen. Der Rabatt-Index des Center Automotive Research (CAR) zeigte im September 2017 mit 152 Punkten einen historischen Höchstwert, es gab sage und schreibe 635 Sonderaktionen der Hersteller. Laut Auswertung des CAR gibt es beispielsweise einen Audi A4 Avant mit Umweltprämie mit 40 Prozent Rabatt für 20.382 Euro, einen Skoda Octavia zu 9.386 Euro (46 % Rabatt) oder den Golf unter 10.000 Euro – mit 44 Prozent Rabatt. Die zusätzlichen Aktionen laufen fast alle Ende des Jahres aus, sodass das Rabattniveau 2018 wieder deutlich sinken dürfte. Allerdings ist der Markt für Dieselfahrzeuge nach CAR-Angaben derart aus dem Gleichgewicht geraten, dass er sich kaum wieder vollständig erholen dürfte.

Auch in einer Befragung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) im Sommer 2017 hatten 58 Prozent der Händler angegeben, gebrauchte Diesel mit höheren Rabatten als sonst üblich zu verkaufen. Bei Neuwagen griffen 36 Prozent zu diesem Mittel. Nachteil für Besitzer: Auch beim Ankauf von Selbstzündern zeigen sich die Autohäuser der Befragung zufolge vorsichtig. 65 Prozent nehmen sie nur noch zu niedrigeren Preisen in Zahlung. Und auch der Restwert wird zum Problem: Laut Auswertung haben Dieselfahrzeuge nach drei Jahren mit 55,4 Prozent vom Listenpreis einen geringeren Restwert als vergleichbare Benziner (56,4 Prozent). Laut DAT-Auswertung haben Diesel mit 94 Tagen inzwischen eine deutlich längere durchschnittliche Standzeit bei Händlern als Benziner (82 Tage).

Wie verhalten sich die Kunden?

Die Skepsis wächst immer mehr. Das bestätigte Mitte Juli 2017 eine repräsentative Umfrage von Autoscout24 im deutschsprachigen Raum unter gut 1000 Personen. Demnach machen sich rund 60 Prozent der befragten Autofahrer derzeit Gedanken rund um den Abgasskandal und die Diskussion von Fahrverboten. Von den Haltern von Dieselfahrzeugen sind es sogar zwei Drittel (67 Prozent). 28 Prozent der Autobesitzer gaben an, von den Herstellern enttäuscht zu sein, die Abgaswerte manipuliert haben. Nur noch 15 Prozent der Befragten würden sich beim Kauf eines Fahrzeugs als erstes nach Dieselautos umschauen. Auch unter den aktuellen Dieselbesitzern sind es lediglich gut ein Drittel (38 Prozent). 18 Prozent von ihnen überlegen derzeit, ihr Fahrzeug zu verkaufen.

Wie reagierten die Hersteller?

Unterschiedlich. Als erster großer Autobauer wendet sich Volvo wegen der steigenden Kosten bei der Abgasreinigung vom Diesel ab. VW bekennt sich zum Diesel, investiert aber mit neun Milliarden Euro dreimal so viel Geld in alternative Antriebe. Zudem läutet der Konzern bei kleinen Modellen den Abschied vom Diesel ein: Die VW-Tochter Skoda wird den Kleinwagen Fabia ab 2018 nicht mehr mit Dieselmotor anbieten. Auch für die komplett neu entwickelte nächste Fabia-Generation ist kein Diesel mehr vorgesehen. Daimler will zwar am Diesel festhalten, rechnet aber mit knapp einem Viertel batterieelektrischer Autos am eigenen Absatz bis 2025. Die Audi-Strategie sieht bis zu diesem Zeitpunkt ein Drittel Elektro und zwei Drittel Verbrenner vor – also Benzin, Diesel und Gas. BMW-Chef Harald Krüger meint dagegen: "Nichts deutet auf einen Tod des Diesel hin. Der saubere Diesel hat noch eine lange Zukunft vor sich." Toyota setzt schon seit Längerem auf alternative Antriebe, der Hybrid-Pionier ist einer der großen Profiteure auf dem deutschen Automarkt. Über allen Herstellern schwebt die EU-Vorgabe, wonach 2021 der Flottenausstoß nur noch 95 g CO2/km pro verkauftem Fahrzeug betragen darf. Andernfalls drohen hohe Strafzahlungen.

Welche Variante lohnt sich mehr, Diesel oder Benziner?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Generell wirkt sich der Preisvorteil vom Diesel eher bei großvolumigen Fahrzeugen aus sowie für Vielfahrer, in der Regel ab 20.000 Kilometern pro Jahr. Der ADAC hat im Frühjahr 2017 einen groß angelegten Kostenvergleich mit mehr als 1600 Fahrzeugen vorgenommen. Auch AUTO BILD hat Anfang 2017 in einem zweiteiligen Test insgesamt 19 Benzin-Diesel-Paare getestet (Teil 1 und Teil 2 hier/kostenpflichtig) und ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen festgestellt. Ein Jahr zuvor – kurz nach Beginn des Dieselskandals – nahmen die Tester bereits 32 Autos unter die Lupe (kostenpflichtig).

Welche Diesel kann ich bedenkenlos kaufen?

Nicht viele. Der ADAC gibt die Antwort darauf in seinem groß angelegten "Eco Test" 2017, bei dem Messungen auf dem Abgasprüfstand durch reale Straßenmessungen (RDE, Real Driving Emissions) ergänzt wurden. Der Automobilclub rät nicht grundsätzlich ab vom Diesel. Kaufinteressierte sollten sich vergewissern, dass ein Neuwagen auch im realen Betrieb niedrige Stickoxid-Emissionen (NOx) aufweist. "Das ist bei Einhaltung der ab September für neue Modelle vorgeschriebenen neuen Euro-6d-TEMP-Norm oder der ab 2020 gültigen Euro-6d-Norm der Fall", sagt ein ADAC-Sprecher. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen kann indes den Diesel derzeit "derzeit nicht mit ruhigem Gewissen empfehlen", so ein Sprecher – weil es mehr offene Fragen als Antworten gebe.

 

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