BMW setzt im iVision Dee alles auf eine Scheibe

3 Wochen her - 08. Januar 2023, autobild
BMW setzt im iVision Dee alles auf eine Scheibe
Mit der Studie iVision Dee gibt BMW einen Ausblick auf Autos ohne Bildschirme. Wie das Infotainment stattdessen funktioniert, verrät AUTO BILD!

Was in Las Vegas passiert, bleibt in Vegas, sagt man. Das mag für alles Mögliche stimmen, für die CES, die Consumer Electronics Show, die größte Hightech-Schau der Welt, gilt es ganz sicher nicht. Was man da zu sehen bekommt, davon soll möglichst schnell die ganze Welt erfahren. Zum Beispiel die Weltpremiere der spektakulären BMW-Studie iVision Dee.

Mein erster Eindruck: Das ist aber mal ein schicker Dreier. Klassisches BMW-Drei-Box-Design, mit Motorhaube und Kofferraum, nur viel glatter, reduzierter. Doppelrundscheinwerfer, Nierengrill, Hofmeisterknick an der C-Säule, alles da und doch anders. Kleiner Wermutstropfen: Ein offizieller Ausblick auf ein neues Modell ist die Studie nicht, BMW wäre aber nicht schlecht beraten, sich bei der Gestaltung der "Neuen Klasse", einer komplett neuen E-Auto-Generation, daran zu orientieren.

Reale Welt und virtuelle Welt verschmelzen im iVision Dee

Worum es bei der Studie eigentlich geht: Dee steht für Digital Emotional Experience. Werbesprache, klar, aber dafür sind wir ja da, es zu erklären. Und die, die sich das Auto ausgedacht haben. Adrian van Hooydonk, BMW-Designchef: "Der Dee ist mehr als ein Auto. Er ist das Tor in die digitale Welt." BMW-Chef Oliver Zipse: "Wir zeigen, was möglich ist, wenn Hardware und Software verschmelzen." Denn es geht hier nicht vordergründig darum, dass (und wie) der BMW fährt. Hier geht es um das, was das Auto sonst noch kann und was es verbinden soll: nämlich Mensch und Maschine, reale und virtuelle Welt. Das gab's alles mal bei "Herbie", dem tollen Käfer, und bei "K.I.T.T." aus "Knight Rider".

Mit Avatar auf der Seitenscheibe

Aber das war Hollywood. Dee ist München, ist real. Frank Weber, BMW-Entwicklungsvorstand: "Wer die Integration der digitalen Lebenswelten seiner Kunden ins Fahrzeug auf allen Ebenen beherrscht, beherrscht die Zukunft des Autobauens." Dann zählen wir mal auf, was der Dee bietet: Das Auto registriert durch Sensoren die Identität und Position des Fahrers und reagiert bei Annäherung. Ein Avatar wird auf die Seitenfensterscheibe projiziert und begrüßt den Fahrer. Die Tür öffnet automatisch.

Scheinwerfer und der geschlossene Nieren-Kühlergrill sind digital bespielbar mit der E-Ink-Technologie, können Mimiken darstellen, Stimmungen zeigen. Sie sagen: "Hey Dee, Lust auf einen Trip?" Und das Auto antwortet mit Licht und Sprache.

Der Innenraum ist noch reduzierter als das Außendesign. Im Cockpit keine Bildschirme, keine Knöpfe, keine Schalter. Auf der Armauflage in der Mittelkonsole befindet sich ein Schieber für Vorwärts, Rückwärts und Parken.

Alle verwendeten Stoffe sind nachhaltig, recycelt und auch wieder recycelbar.

An den Türverkleidungen ist kein Schalter. Er wird erst bei Annäherung sichtbar, ist dank Shy-Tech-Sensorik in den Stoff integriert, und man "toucht".

Auf dem Armaturenbrett befindet sich der Mixed Reality Slider, das zentrale Bedienelement. Ebenfalls in die Fläche integriert.

Es gibt Pedale und ein Lenkrad: Es sieht etwas anders aus, die vertikale Speiche ist mittig. Dafür sind auf Daumenhöhe links und rechts "Phygital Touchpoints", physisch-digitale Schaltflächen, die bei Annäherung "aufwachen" und Funktionen haben. "Hände am Steuer, Augen auf die Straße", sagt Designer Hooydonk.

 Apropos Blick nach vorne: Die Frontscheibe ist zwar noch eine Scheibe zum Durchgucken, aber gleichzeitig auch ein Screen, die digitale Bühne. Ein Head-up-Display in XXXL. Mit dem Slider bestimmt der Fahrer, welche Inhalte auf dem fahrzeugbreiten Display zu sehen sind. Anders als bei heutigen, nur auf den Fahrer bezogenen Head-up-Displays kann jeder Fahrzeuginsasse übrigens alles sehen.

 Die fünfstufige Auswahl erlaubt Szenarien, die vor dem Fahrer die wichtigsten Fahrdaten zeigen, in der Mitte die Strecke übers Navi und rechts beispielsweise den LinkedIn-Account. Es steigert sich in eine Augmented-Reality-Projektion des Fahrweges. Ich habe es ausprobiert, man blickt in die echte Welt und bekommt alles andere digital vors Auge gespielt. Auch die Sitze geben Rückmeldung, schubsen warnend Po und Oberschenkel an.
Über die dimmbare Scheibe kann die Realität nach und nach ausgeblendet werden bis zum rein virtuellen Erlebnis. Dann fahren Sie autonom zu sich nach Hause, aber auf dem Screen führt Ihr Weg durch eine perfekte Fantasiewelt.
Die Mixed-Reality-Frontscheibe soll 2025 in Serie kommen

Schwer vorstellbar? Ja, geht mir auch so. Aber es ist faszinierend, wenn man dringesessen hat. Und wie gesagt, der Fahrer hat die Kontrolle.
Nicht alles, was der Dee zeigt, wird morgen da sein. Aber die Mixed-Reality-Frontscheibe mit dem fahrzeugbreiten Head-up-Display (übrigens hatte BMW das vor 20 Jahren mal als erster Hersteller) wird ab 2025 Serie – in den Modellen der "Neuen Klasse". Wohin die Reise bei BMW in Zukunft geht, erzählt Entwicklungsboss Weber so nebenbei.

Man werde natürlich immer bessere Batterien haben, kürzere Ladezeiten, irgendwann endlich die Kreislaufwirtschaft (die teuren und seltenen Rohstoffe werden dann immer und immer wieder verwendet). Man werde auch 2050 kein Sonnenlicht importieren können, aber das Produkt daraus schon: Wasserstoff, E-Fuels ... 50 Prozent der Mobilität werden 2050 elektrisch sein, sagt er.
Alles andere fährt anders – BMW bleibt antriebsoffen. BMW-Chef Zipse, der in Las Vegas die "Keynote" halten durfte, also die wichtige Eröffnungsbotschaft der Messe, wirkt überzeugend. Er sagte: Die Verschmelzung von virtuellem Erlebnis und echter Fahrfreude ist die Zukunft eines Automobilherstellers – und ganz sicher die von BMW."

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